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„Wenn Gott dich in die Mission ruft, musst du gehorchen!“

Der Zweite Weltkrieg ist am Toben. Brandbomben stürzen auf Karlsruhe herab. Besonders hart trifft es die Station des Badischen Roten Kreuzes. Obwohl im Sekundentakt Geschosse in das Gebäude einschlagen, rennen die Krankenschwestern durch die Zimmer, um die Patienten in Sicherheit zu bringen. Unter ihnen ist auch die 16-jährige Elsbeth Reumann. Als die Station in den frühen Morgenstunden geräumt und bis in den ersten Stock niedergebrannt ist, geht das junge Mädchen erschöpft nach Hause. Am Wohnheim angekommen, folgt der nächste Schock: Wo einst ihr Zimmer war, ist nur noch Schutt und Asche. Elsbeth bleibt nichts, außer den Klamotten, die sie trägt.

Alles war verbrannt

Sie nimmt die Situation an und vertraut darauf, dass Gott ihr hilft. Nach dem Anschlag geht die Auszubildende wieder ihrer Arbeit auf der Chirurgie-Station nach, die in ein altes Schulgebäude verlegt wurde. In einem der Klassenzimmer findet sie Bücher – darunter auch eine Bibel. „Nachdem all meine Sachen verbrannt waren, war ich froh, wieder eine Bibel zu haben“, freut sich Elsbeth. Beim Lesen stößt sie auf Jesaja 42,12: „Lasset sie dem HERRN die Ehre geben und seinen Ruhm in den Inseln verkündigen.“ Was das junge Mädchen damals noch nicht weiß – dieser Bibelvers wird ausschlaggebend für ihr Leben sein. Zu jener Zeit bekommt Elsbeth Briefe von einer Freundin, mit der sie im Vorjahr auf einem Bauernhof bei Schorndorf ihren Arbeitsdienst leistete. Wegen der andauernden Kämpfe im Westen konnte das Mädchen anschließend nicht direkt nach Hause, sodass sie in die Liebenzeller Gegend mitgenommen wurde und auf dem Missionsberg Arbeit fand. Dort lernt sie Jesus Christus kennen und berichtet Elsbeth von ihren ersten Glaubenserfahrungen. Diese wird neugierig und macht sich nach Ende des Zweiten Weltkriegs auf, ihre Freundin in Bad Liebenzell zu besuchen. Als Elsbeth den Missionsberg wieder verlässt, hat sie das Gefühl: „Gott möchte, dass ich in die Mission gehe.“ Zurück in Karlsruhe erzählt sie ihren Eltern von ihrem Vorhaben, doch diese raten ihr, die Krankenpflegeschule zunächst zu beenden. Fortan arbeitet die 19-Jährige in der Zentrale des Roten Kreuzes. Eines Tages putzt sie im Flur die Fenster und singt dabei christliche Lieder, als plötzlich eine Bürotür aufgeht. Elsbeth schreckt zusammen, doch die Schwester, die herauskommt, sagt: „Was bin ich so froh, dass hier jemand diese Lieder singt.“ Damit hat Elsbeth nicht gerechnet. „Seit dieser Begegnung hat mir diese Schwester geholfen, Jesus zu finden und anzunehmen“, erzählt die heute 90-Jährige.

Von der Schwesternschaft in die weite Welt?

Ein Jahr vergeht und Elsbeth steht kurz vor ihrem Examen. Als sie eines Abends mit ihren Eltern am Tisch sitzt, holt sie die Anmeldung für die Liebenzeller Schwesternschule hervor und ihr Vater unterzeichnet bereitwillig. Als sie kurz darauf der Oberschwester von ihren Plänen berichtet, sagt diese: „Wenn Gott dich in die Mission ruft, musst du gehorchen!“ In diesen Reaktionen spürt Elsbeth Gottes Bestätigung und so tritt sie 1947 in die Schwesternschaft der Liebenzeller Mission ein. Es dauert nicht lange, da erkrankt die junge Schwester an Diphtherie, die eine Herzmuskelentzündung nach sich zieht. Sie wird nach Hause geschickt und die Ärzte raten ihr, sich beruflich neu zu orientieren. Es scheint, als sei der Traum von einem Missionseinsatz geplatzt. Nachdem Schwester Elsbeth 16 Monate ein nervenkrankes Mädchen pflegt, kann sie jedoch an die Schwesternschule zurückkehren. Die nächste Unterbrechung folgt bald, denn sie wird zum Dienst in ein Krankenhaus nach Hagen bestellt, später nach Calw. In dieser Zeit fragt sich Schwester Elsbeth, was Gott wirklich mit ihr vorhat. In der Stille öffnet sie ihr Herz: „Herr, ich nehme an Jahren zu, jetzt musst du mir bald zeigen, was du mit meinem Leben vor hast. Du hast mich in die Mission gerufen, aber soll ich wirklich gehen, oder doch hier bleiben?“ Die Antwort kommt prompt per Post: Schwester Elsbeth wird zum Gemeindedienst nach Leinfelden gerufen.

Das Blatt wendet sich erneut

Kaum hat sie angenommen, dass Gott sie in Deutschland behalten möchte, wendet sich das Blatt erneut. Bei einer Sitzung auf dem Missionsberg wird sie von Pfarrer Hertel gefragt: „Schwester Elsbeth, wärst du bereit, Amerikanerin zu werden? Wir wollen dich nach Palau schicken.“ „Wenn ich an die Himmelspforte komme, wird Petrus sicher nicht fragen, ob ich einen deutschen oder einen amerikanischen Pass habe“, gibt sie zur Antwort und willigt voller Freude ein. Noch im selben Jahr geht die Reise los: Schwester Elsbeth besucht zunächst ein christliches College in New Jersey und reist von dort aus weiter Richtung Palau. Und so kommt sie – wie im Jesaja-Vers geschrieben steht – wahrhaftig auf eine Insel, um Gott zu dienen. 26 Jahre arbeitet sie auf Palau in einem Mädcheninternat, bevor sie in ihr Elternhaus zurückkehrt, um ihre Schwester zu betreuen.

70 Jahre bei der Liebenzeller Mission

Mit 86 Jahren zieht Schwester Elsbeth dann in das Feierabendhaus der Liebenzeller Mission, wo sie bis heute lebt. Vor wenigen Tagen feierte sie ihr 70-jähriges Jubiläum bei der Liebenzeller Mission und schaut dankbar auf Gottes Führung in all den Jahren zurück: „Ich kann nur staunen, dass Gott mich hier her rief und so lange Geduld mit mir hatte.“ Besonders denkt sie dieser Tage an ihren Arztbesuch vor ihrer Ausreise: „Wegen meines Herzmuskelschadens sagten mir einige, ich solle mir keine großen Hoffnungen machen, ausreisen du dürfen. Doch der Chefarzt teilte mir überraschend mit, dass er nichts an meinem Herzen finden und ich die Tropen aufbrechen kann.“ Dieser großartige Moment sei einer von vielen in ihrem Leben gewesen, in denen Schwester Elsbeth Gottes Bestätigung erleben durfte.

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Eine Insel im Pazifik – gefährlich, geächtet und gemieden?

MIKRONESIEN. „Wenn nicht jetzt, wann dann?“, fragt sich Miriam Pianka, als sie ergriffen von einem Vortrag nach Hause geht. Für den Start eines Bildungsprojekts in Mikronesien sucht die Liebenzeller Mission freiwillige Mitarbeiter. Die Theologiestudentin der Internationalen Hochschule Liebenzell (IHL) spürt: „Das ist die Gelegenheit, mich für Gott zu investieren!“ Sie folgt dem inneren Ruf und unterbricht zehn Monate ihr Studium, um mit Kindern und Jugendlichen auf der Insel Tel zu arbeiten.

Blutrache, Drogenkonsum, niedriges Bildungsniveau und Kleinkinder, die mit Macheten und Steinschleudern spielen – all das gehört auf Tol zur Tagesordnung. Für die Einheimischen gibt es laut den Bewohnern der Hauptinsel Moin keine Hoffnung mehr, doch gerade das motiviert Miriam und ihre Teamkollegen: „Weil sie von der Gesellschaft abgeschrieben sind, möchten wir diesen Menschen helfen und ihnen ein Licht sein.“

Um das Bildungsniveau nachhaltig zu verbessern, setzt sich das deutsche Team vor allem für die jungen Inselbewohner ein. Neben dem Bau eines Kindergartens wollen sie die Lehrer in Grundschulen und Highschools neu anleiten. Anfangs betreut Miriam eine Vorschul- und Grundschulklasse. Schnell merkt sie, dass die Kinder kaum oder gar kein Englisch verstehen. Sie versucht also, die Schüler spielerisch für die Sprache zu begeistern: „Da Musik in ihrer Kultur sehr wichtig ist, haben wir mit den Kindern englische Lieder gelernt“, erzählt Miriam. Nicht nur die Schüler zeigen Lernbereitschaft, auch die Lehrer lassen sich auf die neuen Ideen ein.

Doch gibt es nicht überall Fortschritte. Ab dem dritten Schuljahr aufwärts werden große Defizite deutlich: „Die Lehrer praktizieren bloßes Nachsagen und die Schüler sind mit einfachen Floskeln überfordert“, schildert die Studentin. Also werden die Klassen der Leistungsstärke entsprechend neu gemischt. Obwohl Miriam die Möglichkeit hat, fortgeschrittene Schüler zu unterrichten, entscheidet sie sich für die zwei schwächsten Highschool-Klassen. Dabei trifft sie auf Heimkinder und verhaltensauffällige Teenager. Als gelernte Jugend- und Heimerzieherin weiß sie jedoch, mit diesen umzugehen. Im Team bringt sie den Schülern Holzarbeit und die dafür nötigen Englisch- und Mathematikgrundlagen bei. Die Arbeit trägt Früchte, doch Raum für tiefergehende Beziehungen bleibt keiner: „Musik verbindet uns, doch die Sprachhürden sind zu groß, um Freundschaften zu knüpfen.“

Plötzlich bekommt Miriam eine schwere Magenschleimhautentzündung und muss ins Krankenhaus. Trotz Schmerzen ist das für sie eine geistlich prägende Zeit, denn sie redet viel mit ihrer Zimmergenossin Sarah, die nierenkrank ist. Miriam stellt fest, dass Sarah aus einem christlichen Umfeld stammt und zur Gemeinde geht – jedoch nur, weil ihre Mutter das wünscht. Sie selbst sieht darin keinen Sinn. „Als Gleichaltrige war es für mich eine tolle Chance, Sarah zu einer persönlichen Beziehung mit Jesus einzuladen und für sie zu beten“, sagt Miriam. Ob das Mädchen die Einladung angenommen hat, weiß sie nicht, denn Miriam Zustand verschlechtert sich und so muss sie den Missionseinsatz abbrechen. Sie fliegt zurück – in der Hoffnung, Sarahs Neugierde geweckt und die Menschen auf Tol berührt zu haben. Gleichzeitig hat sie selbst einige wichtige Erkenntnisse gewonnen: „Durch die Tradition der Blutrache habe ich viel über Sünde und Vergebung nachgedacht. Dabei hat Gott mir aufzeigt, wo Neid und Egoismus auch mein Herz öfter beschweren“, sagt Miriam. In dieser Zeit wird ihr neu bewusst, dass sie weder ihren seelischen, noch ihren körperlichen Heilungsprozess beeinflussen kann: „Alles, was mir bleibt, ist, Gott zu vertrauen, dass er mir vergibt und mich heilt.“ Dass das auch die Menschen auf Tel erkennen, ist Miriam Wunsch: „Ich hoffe, dass sie Vergebung durch Jesus verstehen und erleben dürfen und dass sie den Mut haben, die Blutrache aufzuhalten, damit langfristig Segen auf der Insel entstehen kann.“ Die Chance ist da, denn Miriam hat viele Menschen kennengelernt, die trotz Gewalt und Perspektivlosigkeit große Freude im Leben haben und diese vor allem durch ihr musikalisches Talent zum Ausdruck bringen. „Ich freue mich, mit diesen Menschen einmal vor Jesus zu stehen und ihn mit Liedern zu loben“ – dieser Satz eines Teamkollegen hat sich tief in das Gedächtnis der 25-Jährigen eingeprägt und auch sie freut sich auf diesen Moment.

Mittlerweile ist Miriam wieder gesund und führt ihr Studium weiter. Sie hofft, dass viele Menschen von ihren Erfahrungen in Mikronesien profitieren können – ob im Alltag oder im späteren Beruf.