BANGLADESCH. Seit 33 Jahren leben die Liebenzeller Missionare Regine und Michael Kestner in Bangladesch, um Menschen von Jesus Christus weiterzusagen. In den letzten zehn Jahren haben sie das vor allem in Khulna getan, wo sie in einem Kinderdorf mit rund 60 teilweise verwaisten und minderbemittelten Jungen mitarbeiten. Im Dezember gab es dort großen Grund zur Freude: Ein neues Gebäude wurde eingeweiht. Darüber und über ihre Arbeit wollten wir mehr erfahren. Da sie derzeit in Deutschland sind, haben wir ihnen drei Fragen gestellt.

Was hat sich durch den Neubau im Kinderdorf verändert?

Durch die Landerhöhung, die wir im selben Zug vorgenommen haben, wird das Kinderdorf nicht mehr überflutet. Die Jungen freuen sich, dass sie dadurch ganzjährig ein Spielfeld zur Verfügung haben. Gerade in der Regenzeit standen die Betten der Jungen häufig im Wasser, und auch wenn die Kinder nachts im Trockenen lagen, standen sie spätestens beim Gang raus auf die Toilette kniehoch im Nassen. Zudem drang das Wasser durch die Kanalisation auf das Gelände und so ergab sich ein hygienischer Zustand, der nicht mehr tragbar war. Durch das erhöhte Gebäude werden die Kinder nun besser vor Krankheiten geschützt, und sie haben eine ganz neue Lebensqualität. Auch der Sicherheitsfaktor ist nun dank einer verschließbaren Eingangstür höher. Zuvor gab es nur eine einfache Holztür, die leicht zu öffnen war – und das, obwohl es in der Nachbarschaft oft zu Einbrüchen kommt. Alle Kinder freuen sich sehr, in so einem schönen, hellen Gebäude zu leben, das uns noch Platz für weitere Kinder bietet.

Könnt ihr uns von einem besonderen Erlebnis im Kinderdorf erzählen?

Wir erinnern uns noch gut, wie Philip vor fünf Jahren ins Kinderdorf kam. Er stammt aus einer kaputten Familie und erlebte dort viel Negatives. Immer wieder redeten ihm seine Eltern ein, dass er nichts kann und nichts wert sei. Als er zu uns kam, hatte er kein Selbstvertrauen, und wenn wir ihm eine Aufgabe erteilten, sagte er, er könne das nicht und verzog sich ängstlich in eine Ecke. Also fingen wir an, ihn einfache Motive ausschneiden oder Seil hüpfen zu lassen, um Sicherheit zu gewinnen. Eines seiner ersten Bilder haben wir an die Wand gehängt und ihm gesagt, dass er jedes Mal, wenn er es ansieht, zu sich sagen soll: „Ich kann das!“ Seither hat sich schon einiges verändert. Zuletzt machte Philip sogar beim Sportfest mit. Trotz dieser Erfolge wird der Teenager in der Schule oft aufgezogen, weil er noch die fünfte Klasse besucht. Das wirft ihn häufig zurück. Wir wollen Philip weiter begleiten und beten, dass er seinen Wert und seine Kraft aus Gott schöpfen kann, und den Mut hat, weiter in die Schule zu gehen.

Was sind eure Wünsche für Bangladesch?

Unser Wunsch ist es, dass wir Christen die Arbeitsmöglichkeiten, die wir in Bangladesch haben, nutzen, damit noch viele Menschen zum Glauben an Jesus Christus finden. Und, dass Gottes Wort noch stärker in den Alltag hineingelebt wird, sich dort niederschlägt und veränderte Lebensweisen sichtbar werden. Und natürlich auch, dass neue Mitarbeiter und Missionare heranwachsen, die sich in diesem Land einbringen wollen.

BANGLADESCH. Es ist heiß und staubig, von allen Seiten erklingt wildes Gehupe und Geklingel, und kreuz und quer fädeln sich Rickshas, rostige Lastwagen und überladene Busse ein. In der dicht besiedelten Millionenmetropole Dhaka wird der Kampf ums tägliche Überleben überall geführt – auch auf den Straßen. Der Verkehr dort zählt zu den schlimmsten weltweit und bringt jährlich zehntausende Todesopfer mit sich. Welche Mutter würde ihr Kind da schon gerne alleine losschicken?

„Meine Tochter Emma wurde von einer Freundin zum Geburtstag eingeladen. Weil der Verkehr hier so gefährlich ist, gehört es zu einem Kindergeburtstag dazu, dass die Mütter mit dabei sind“, erklärt die Liebenzeller Missionarin Anne Strauß, die seit sechs Jahren mit ihrem Mann Samuel und ihren drei Kindern in der Millionenstadt lebt. Anders als alle anderen Kinder wurde Tasneem, ein Mädchen aus Emmas Klasse, nicht von ihrer Mutter, sondern von ihrer Großmutter zur Feier begleitet. Das sorgte bei einigen für Verwunderung und fiel auch Anne auf. Sie setzte sich zu der 58-Jährigen und kam mit ihr ins Gespräch. Dabei erzählte die Frau, dass ihre Tochter an Lungenkrebs starb als Tasneem drei Jahre alt war und sie sich seitdem viel um ihre Enkelin kümmert. Anne war kurz sprachlos. Sie drückte ihr Mitgefühl aus und fragte später, ob sie Telefonnummern austauschen wollten. Seither haben sich die beiden schon öfter in der Stadt oder bei Schulveranstaltungen getroffen.

Dann ging es für die Missionarsfamilie einige Zeit in den Heimataufenthalt nach Deutschland. Als sie anschließend wieder nach Dhaka zurückkehrten, freute sich Anne sehr, Tasneems Großmutter bei einem Schulsportfest wiederzusehen. Während die Kinder auf dem Sportplatz tobten, suchten sich die beiden Frauen ein schattiges Plätzchen, um sich auszutauschen. Erneut stand Anne der Schock ins Gesicht geschrieben, als sie erfuhr, dass bei Tasneems Vater Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert wurde und er nur noch wenige Wochen zu leben hat. Obwohl die Familie wohlhabend ist und ihr Schwiegersohn öfter zur Chemotherapie in das 4000 Kilometer entfernte Singapur reisen kann, hat Tasneems Großmutter Angst vor der Zukunft. Die heute 62-Jährige und ihr Mann sind für die bangladeschische Lebenserwartung von 72 Jahren schon sehr alt und es gibt sonst keinen Verwandten in der Stadt, der sich um ihre Enkelin kümmern könnte.

„Ich sagte ihr, wie leid es mir tut, weil ich ja wusste, wie sehr sie bereits darunter leidet, dass ihre Enkelin ohne Mutter aufwachsen muss“, erzählt Anne. Auch sagte die Missionarin ihr zu, dass sie weiterhin viel zu Jesus für sie und ihre Familie beten werde. „Tasneems Großmutter ist zwar Muslimin und glaubt so fest an Allah, wie ich an Jesus glaube. Doch sie reagierte nicht abweisend. Im Gegenteil. Sie bedankte sich von Herzen für die Gebete und nannte mich ihre Tochter“, freut sich Anne. Obwohl sie von dem Schicksal der Familie sehr betroffen ist, weiß Anne auch, dass Jesus aus dieser Situation etwas Gutes entstehen lassen kann. Sie wünscht sich, diese Hoffnung auch der Familie weitergeben zu können.

BANGLADESCH. Am 4. Dezember konnte der Neubau des Kinderdorfs in Khulna (Bangladesch) eingeweiht werden. Für die Menschen dort war das eine riesige Freude. Der Neubau wurde durch die Unterstützung verschiedener Organisationen und vor allem des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung möglich, das den Großteil der finanziellen Mittel für den Bau zur Verfügung stellte. Das alte Gebäude wurde regelmäßig in der Monsunzeit überschwemmt, so dass die Betten der Kinder immer wieder im Wasser standen. Das hat nun ein Ende. Derzeit leben im Kinderdorf in Khulna 50 Kinder. Viele von ihnen sind Waisen oder Halbwaisen. Die ersten Jahre werden die Kinder im Kinderdorf unterrichtet. Danach gehen sie in eine öffentliche Schule. Nach dem Schulabschluss bekommen die Kinder Hilfe bei der Suche nach einem Ausbildungs- oder Studienplatz oder beim Start ins Berufsleben.