FRANKREICH. Seit 26 Jahren leben die Liebenzeller Missionare Sigrun und Peter Rapp in der Normandie, um evangelische Gemeinden zu gründen und Menschen zum Leben mit Jesus Christus einzuladen. Nach ihrem langjährigen Einsatz in Alençon ging es für sie und zwei ihrer fünf Söhne 2012 weiter nach Avranches. Dort sind sie gerade mit dem Bau eines neuen Gemeindesaals beschäftigt. Wir haben Peter kürzlich getroffen und ihm drei Fragen gestellt.

Welche Herausforderungen erlebt ihr in der Missionsarbeit in Avranches?
Die hohe Arbeitslosigkeit fordert uns stark heraus. Vor allem viele junge Menschen bekommen häufig nur Gelegenheitsjobs. Viele leiden deshalb unter Depressionen oder Minderwertigkeitskomplexen. Wir begleiten Betroffene, hören ihnen zu und ermutigen sie. Sie sollen erkennen, dass sie wertvoll sind und ihr Wert nicht vom Beruf abhängt. Eine weitere Herausforderung ist die Anzahl der Gemeinden in der Normandie und Bretagne. Statistisch gesehen kommen auf eine Gemeinde 30000 Einwohner. Viele Menschen fahren deshalb oft 30 bis 50 Kilometer zum Gottesdienst. Wir wünschen uns, dass vor allem junge Missionare die Notwendigkeit sehen, auch in solch minderbevölkerten Gegenden Gemeindegründungsarbeit zu beginnen. Die Menschen hier brauchen das Evangelium. Dass Bedarf besteht, zeigt sich auch in unserer Gemeinde. Viele Familien und Geflüchtete sind dazugekommen, sodass der 35 Quadratmeter große Saal zu klein geworden ist. Seit November bauen wir in der Nähe einen größeren Gottesdienstraum. Dabei greifen uns neben unseren Mitgliedern auch befreundete Gemeinden unter die Arme. Es ist schön zu erleben, dass vielen Menschen etwas an der Realisierung des Projekts liegt und sie ihr Möglichstes tun.

Du bist seit eineinhalb Jahren auch als Gefängnis-Seelsorger in Coutances tätig. Wie sieht deine Arbeit dort aus?
Das Gefängnis besuche ich meist dreimal im Monat. Ich führe Einzelgespräche mit Insassen und halte alle vier Wochen samstags einen Gottesdienst. Die Gespräche tun vielen Betroffenen gut. Oft lese ich mit ihnen in der Bibel, höre ihnen zu und bete mit ihnen. Ein Franzose, den ich dort begleitet habe, besucht seit seiner Entlassung einen nahegelegenen Gottesdienst. Darüber freue ich mich sehr. Daneben gibt es aber auch einige Negativbeispiele. Oft sitzen mir 20-jährige Drogenhändler gegenüber, die keinen Beruf gelernt haben und nichts von Jesus wissen. Viele Lebensgeschichten sind so belastend, dass es mir die Worte verschlägt. Trotzdem bin ich mir sicher, dass Gott mich dort gebrauchen möchte und ich am richtigen Platz bin. Wenn sich die Gefängnistüren hinter mir schließen, tut mir die einstündige Heimfahrt gut, wo ich vieles im Gebet klären kann.

Gibt es eine Begebenheit, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?
In der Nähe von Avranches gibt es einen deutschen Soldatenfriedhof. Anlässlich des Gedenktages am 19. November erhielt ich von der deutschen Botschaft die Anfrage, eine Gedenkfeier zu organisieren. Ich freute mich darüber und sagte zu. Dann erkundigte ich mich in mehreren Schulen, ob einige Schüler bei den Feierlichkeiten die deutsche und französische Nationalhymne singen könnten. Schließlich nahmen 50 Schüler aus drei Schulen daran teil. Ich hielt bei der Veranstaltung eine kurze Ansprache und die Schriftlesung. In der Folgezeit wurde ich häufig von Eltern in der Stadt angesprochen. Es ist nicht nur Vertrauen entstanden, ich konnte auch tiefer mit ihnen über christliche Inhalte sprechen. Auch wenn es sich bei den Feierlichkeiten nicht um klassische Missionsarbeit handelte, war es indirekt ein Weg, mit den Stadtbewohnern ins Gespräch zu kommen. Und wir werden von der Heiligen Schrift ja ermutigt: “Suchet der Stadt Bestes.” (Jeremia 29,7)