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Die Liebenzeller Mission betritt Neuland: Im Herbst 2023 soll in Ecuador ein Frauenhaus starten. Wir haben mit dem designierten Einrichtungsleiter, Missionar Sebastian Ruf, darüber gesprochen, wie es zu diesem neuen Projekt kam, wie er Betroffenen konkret helfen will und welche fatalen Folgen ein einheimisches Sprichwort hat.

Sebastian, was ist das Ziel des Frauenhauses, das ihr gründen wollt?
Wir wollen einen sicheren Zufluchtsort für Frauen schaffen, die häusliche Gewalt erleben, was hier in Ecuador ein großes Problem ist. Wir wollen zudem einen Ort anbieten, an dem Frauen heil werden können von dem Trauma, das sie erlitten haben. Außerdem sollen sie eine Perspektive erhalten, selbstständig leben zu können und nicht mehr von ihrem Partner emotional und finanziell abhängig zu sein. Dabei ist uns bewusst, dass bei häuslicher Gewalt leider in seltensten Fällen eine Versöhnung oder Wiederherstellung der Ehe möglich ist.

Wie sieht das Konzept des Schutzhaus ganz praktisch aus?
Wir haben in der Provinzhauptstadt Ibarra zwei Häuser angemietet: In dem einen leben wir, in dem anderen künftig bis zu acht Frauen mit Kindern, die ihre Mutter noch brauchen und oft Dinge aufzuarbeiten haben, die durch die häusliche Gewalt verursacht wurden. In dem Haus sollen auch eine einheimische Mitarbeiterin wohnen. Sie kümmert sich um organisatorische Aufgaben und begleitet die Frauen.

Wie helft ihr den Frauen konkret?
Tabea, meine Frau, arbeitet bereits jetzt mit einer Gruppe von Frauen zusammen, die meistens bereits länger Christen sind und Verantwortung auch in anderen Bereichen übernommen haben. Sie bildet sie unter anderem in der Seelsorge mit Frauen aus, die häusliche Gewalt und ein Trauma erlebt haben. Diese einheimischen Mitarbeiterinnen werden später die Frauen im Haus betreuen. Jede Betroffene soll dabei eine direkte Ansprechpartnerin haben, mit der sie sich regelmäßig trifft. Wir müssen zudem die Frauen rechtlich begleiten, wenn zum Beispiel eine Scheidung nicht mehr vermeidbar ist. Letztlich ist das Ziel, dass die Betroffenen wieder selbstständig leben können. Dabei sollen die Frauen ungefähr ein halbes Jahr bei uns wohnen. Die Seelsorgerinnen übernehmen dabei einen wichtigen Part. Wir bieten den Frauen daneben auch Workshops an, bei denen sie lernen, finanziell auf eigenen Füßen zu stehen und ihre Kinder zu begleiten.

Wer steht hinter eurer Arbeit?
Hinter uns stehen mehrere Gemeinden im Norden Ecuadors, die in den vergangenen Jahren durch die Liebenzeller Mission gegründet wurden oder sich zu uns halten. Wir haben von Anfang an die Gemeinden informiert und bemüht, sie ins Boot zu holen. Dabei arbeiten wir eng mit der größten Gemeinde hier in Ibarra zusammen. Wir haben immer den engen Kontakt mit dem örtlichen Pastor gesucht und unsere Entscheidungen mit ihm abgesprochen. Von hier kommen auch die Seelsorgerinnen. Ich spreche außerdem in den christlichen Gemeinden in Ecuador immer wieder über häusliche Gewalt. Dabei versuche ich die Menschen dafür zu sensibilisieren. Denn oft wird das Problem gar nicht als Unrecht wahrgenommen oder gesehen, dass es eine ungesunde Beziehung ist, wenn dort häusliche Gewalt geschieht. Wir bemerken, dass dieses Thema oft schambehaftet ist und es viel Vertrauen benötigt, aus solchen gewalttätigen Beziehungen einen Schritt herauszumachen. Wir haben auch festgestellt, dass wir Vertrauen zu den Betroffenen am besten über und durch die Gemeinde aufbauen können. Und nicht zuletzt können wir über die Gemeinden deutlich machen, dass wir die beste Botschaft haben: Jesus kann Herzen verändern.

Wie viele Frauen in Ecuador sind schätzungsweise von häuslicher Gewalt betroffen?
Momentan geht man davon aus, dass zwei von drei Frauen bereits Formen von häuslicher Gewalt erlebt haben. Dabei ist der Aggressor aber nicht immer nur der Partner oder Ehemann.

Habt ihr beim Aufbau des Frauenhauses auch Kontakt zu ähnlichen Einrichtungen genommen?
Wir haben in der Hauptstadt Quito ein säkulares Frauenhaus besucht und dessen Konzept angeschaut. Zudem waren wir bei einer christlichen Einrichtung, die sich allerdings nicht auf häusliche Gewalt spezialisiert hat, sondern auf jugendliche Frauen, die in die Prostitution gerutscht sind.

Wie finanziert ihr eure Arbeit?
Wir sind bestrebt, dass die Gemeinden in Ecuador die Arbeit mitfinanzieren. Wir wissen aber, dass wir auch Unterstützung aus Deutschland benötigen. Denn es gibt hier in Ecuador kein Frauenhaus, das nicht ohne Spenden aus dem Ausland auskommt. Vom ecuadorianischen Staat werden wir kaum etwas erhalten.

Ist Gewalt in der Ehe in Ecuador üblicher als bei uns oder ist es ein größeres Tabu, über häuslicher Gewalt zu reden?
Leider ist Gewalt in Familien und Ehen hier ein Stück weit Normalität. Das fängt bereits früh bei der Erziehung an, wo Schläge dazu gehören. Kinder werden oft mit dem Gürtel geschlagen, ebenso auch viele Frauen. Es gibt bei den Quichua-Indianern das Sprichwort: „Er beleidigt dich, er schlägt dich, er tötet dich – aber er bleibt dein Ehemann.“

Frauenhäuser in Deutschland sind sehr oft geschützt, damit die Männer ihre Frauen nicht gegen ihren Willen herausholen können. Wie sieht euer Sicherheitskonzept aus?
Sicherheit spielt natürlich eine große Rolle. Es ist uns sehr wichtig, dass sich die Frauen bei uns sicher fühlen, sonst können sie das Erlebte nur schwer auf- und verarbeiten. Die Polizei weiß, wo unser Haus steht. Ebenso ist es von einem hohen Zaun umgeben und wir werden Überwachungskameras und Bewegungsmelder anbringen.

Wie erfahren Frauen von eurem Hilfsangebot?
Wir haben die Behörden informiert, vor allem das Amt, das Frauen kostenlos rechtliche Hilfe anbietet. Wir hatten auch Kontakt mit der Bürgermeisterin. Dabei werben wir aber zunächst über den Bekanntenkreis und die Gemeinden, weil wir behutsam starten wollen. Und hier gibt es bereits genügend Betroffene, für die unser Frauenhaus unbedingt benötigt wird.

Wann soll das Frauenhaus öffnen?
Wir planen, nach der Rückkehr aus unserem anstehenden einjährigen Heimataufenthalt im Herbst 2023 zu starten. Wir sind dabei sehr gespannt, wie das Projekt anläuft und welche ersten Erfahrungen wir sammeln können.

Wie können euch Christen unterstützen?
Betet um Weisheit und Gottes Führung. Denn dieses Projekt ist Neuland für uns und die Liebenzeller Mission. Wir beten zudem, dass die Frauen gute Erfahrungen machen können, auch durch die seelsorgerlichen Gespräche, die jetzt bereits stattfinden. Und dass wir rasch lernen, wie wir den Betroffenen bestmöglich helfen können. Außerdem sind wir dankbar für alle Spenden, denn ohne sie können wir die Arbeit nicht machen.

Warum eröffnet die Liebenzeller Mission gerade ein Frauenhaus?
In der Bibel sehen wir, dass Gott ein Gott ist, der sich speziell um die Unterdrückten kümmert. Und wenn Gott das auf dem Herzen hat, sollten wir das als Gemeinden auch haben: Menschen zu helfen, die unter Unterdrückung und Gewalt leiden und ihnen beizustehen. Wenn wir das tun, wenn wir Gottes Charakter, Liebe und Barmherzigkeit widerspiegeln, strahlt das in die Gesellschaft hinein. Ich möchte, dass wir als Gemeinde dafür bekannt sind, dass wir Gott kennen und lieben, ihn darstellen. Und wir wollen aufzeigen, dass Gottes Botschaft Antworten hat über das hinaus, was Psychologie alleine leisten kann: Echte Hoffnung, ein Gott, der Menschen heilen und verändern kann durch seinen Geist. Wer kann das den Menschen aufzeigen, wenn nicht wir?

Die Liebenzeller Mission ist seit 1989 in Ecuador tätig. Die Missionare betreuen Patenschaftsprogramme und Studierende, gründen Gemeinden und schulen einheimische christliche Mitarbeitende. Betreuung von Kurzzeiteinsatz-Mitarbeitenden, örtliche Jugendarbeit und Arbeit unter Studierenden sind dabei die Aufgaben von Sebastian und Tabea Ruf in Ecuador. Seit Juni 2018 sind sie in Ecuador tätig. Beide studierten in Bad Liebenzell – Sebastian an der Interkulturellen Theologischen Akademie und Tabea an der Internationalen Hochschule Liebenzell. Sie haben zwei Kinder.

Ermutigung, wer kann die nicht gebrauchen – gerade in der dunklen Jahreszeit, die von der Corona-Pandemie zusätzlich bestimmt ist? Frauen aus dem Umfeld der Jungen Kirche Berlin-Treptow erhielten nun in der Adventszeit Ermutigungspost. Jede, die sich meldete, bekam eine Ermutigungspartnerin zugelost. Im Gegenzug ermutigte dann die Empfängerin eine andere Frau, der sie zugelost wurde. So erhielt im Laufe des Advents jede Teilnehmerin eine Überraschungs-Ermutigung.
Miriam Kost, Mitarbeiterin der Jungen Kirche Berlin-Treptow, übernahm die Koordination. Die Frauen meldeten sich bei ihr an und sandten ihre Adresse zu. Sie schrieb daraufhin alle Namen auf Kärtchen und zog für jede eine Ermutigungspartnerin.

An der Aktion beteiligten sich rund zehn Frauen. „Das klingt erst mal nicht viel, aber in meinen Augen ist das Tolle an der Aktion gerade, dass es nicht darauf ankommt, wie viele mitmachen. Denn ab nur einer Anmeldung kann die Aktion stattfinden und für jede Teilnehmerin ist es vollkommen unerheblich, wie viele andere noch teilnehmen“, erklärt Miriam Kost. Das entlastet bei der Organisation sehr, weil die Aktion unabhängig von einer „quantitativen Zielgröße“ immer ein Erfolg ist.

Den Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Junge Kirche Berlin-Treptow ist dabei immer wichtig, Aktionen möglichst niedrigschwellig zu halten, sodass sich viele darauf einlassen und beschenkt werden können. Deswegen geben die Organisatoren auch nicht vor, wie die Ermutigung aussehen soll – ob eine Karte, ein Brief, ein kleines Geschenk – alles ist großartig.
Gerade im vergangenen Jahr, bei dem viele von der Corona-Pandemie sehr gebeutelt waren, war der Jungen Kirche Berlin-Treptow auch die Botschaft wichtig: „Egal, wie es dir geht und wie leer du dich vielleicht fühlst – du hast immer etwas zu geben und kannst andere ermutigen. Und: Du darfst dir Ermutigung wünschen!“

Die Aktion stieß auf sehr positive Resonanz: So schrieb eine Teilnehmerin: „In Zeiten der Digitalisierung einen handschriftlichen Brief per Post zu erhalten, ist schon an sich ein Highlight. Wenn sich daraus dann auch noch eine Brieffreundschaft entwickelt, ist das ein ganz besonderes Geschenk. Durch diese Aktion hat sich ein spannender Kontakt zu einer jungen Frau entwickelt und so sind wir auch über diese Aktion hinaus im Gespräch, berichten uns von unserem Ergehen, können füreinander beten und uns ermutigen.“

Und Miriam Kost als Organisatorin wurde ebenfalls reich beschenkt: „Ich selbst hatte einen Brief bekommen, der mich so sehr ermutigt hat, dass ich ihn das Jahr über immer wieder rausgeholt und gelesen habe.“

Kirche in einer stark säkularisierten Umgebung dynamisch und lebensnah zu gestalten – aus diesem Traum entstand 2006 die „Junge Kirche Berlin-Treptow“. In der pulsierenden deutschen Hauptstadtmetropole können Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen entdecken, wie kraftvoll und lebendig der christliche Glaube ist. Im Filmpalast Astra feiern die Besucherinnen und Besucher die wöchentlichen Gottesdienste. Unter der Woche gibt es Angebote für Teenager, Kleingruppen und Schulungen, die helfen, den Glauben mutig zu leben und ihn anziehend in den Großstadtalltag zu transportieren.

Dr. (UNIMW) Reinhard und Cornelia Frey sind nach 13 Jahren Gemeindedienst in Deutschland im Herbst 2015 nach Sambia zurückgekehrt. Dort waren sie schon von 1986 bis 2002 in der Gemeinde- und Schulungsarbeit tätig gewesen.
Reinhard arbeitet nun in der Gemeindeleiterschulung in Sambia und dem benachbarten Kongo. Cornelia bringt sich in Frauenstunden und in einer Bibelschule ein. Zurzeit sind Cornelia und Reinhard im Heimataufenthalt in Deutschland und berichten von ihrer Arbeit in Sambia. Wir haben ihnen einige Fragen gestellt.

Wenn ihr eure erste Zeit in Sambia und euren jetzigen Einsatz vergleicht: Wie hat sich die Missionsarbeit verändert?
Damals waren wir als Liebenzeller Mission neu in Sambia. Zusammen mit unserer Partnerkirche sollten wir neue Gemeinden im Norden gründen. Gemeindegründung war das Thema. Heute stehen die Schulungen im Vordergrund. Die Gemeindearbeit können viele Einheimischen selbst gut machen. Aber sie sind dankbar, wenn es Schulungen mit fundiertem theologischen Hintergrund gibt.

Warum ist Missionsarbeit in Sambia nach wie vor wichtig?
Es gibt genug Kirchen, aber viel Vermischung zwischen Tradition und Christentum. Die Bibel wirklich biblisch zu betrachten – damit tun sich die Menschen in Sambia oft schwer. Deshalb ist es so wichtig, dass Einheimische und Missionare eng zusammenarbeiten. Wie können wir die Themen des Lebens biblisch und kulturell betrachten? Es ist wichtig, die Kultur der Menschen ernst zu nehmen und zu achten. Gleichzeitig müssen wir auch klar benennen, wenn Dinge nicht biblisch sind. In Sambia ist zum Beispiel der Glaube an Zauberei und Geister stark verbreitet, auch Christen sind oft darin verstrickt. Da sagen wir schon klar, dass man als Christ die Ahnen nicht anbeten soll. Aber wir bemühen uns, das den Menschen in einer guten Art zu sagen und sie mitzunehmen. Ganz bewusst wollen wir die einheimischen Mitarbeiter stärken, ermutigen und lehren, damit sie bewusst im Alltag mit Jesus leben.

Reinhard, dein Schwerpunkt ist die Schulung von Gemeindeleitern. Was begeistert dich dabei und was fordert dich heraus?
Den Menschen einfach die Bibel nahezubringen: Das mache ich gerne. Die Bibel im Kontext ihrer Kultur zu betrachten, ist die große Herausforderung. Dass wir schon so viele Jahre in Sambia arbeiten, hilft da natürlich. Trotzdem brauchen wir immer auch das Feedback der Menschen dort, ob unsere Schulungen die kulturellen Aspekte richtig berücksichtigen.

Zu Schulungen fährst du auch regelmäßig über die Grenze in den Kongo. In den Nachrichten hört man immer wieder von Krieg und Rebellenangriffen. Wie ist die Lage derzeit?
Die Region im Norden ist sehr instabil und gefährlich. Der südliche Kongo an der Grenze zu Sambia ist quasi ein abgegrenztes Land. Die ganze Versorgung dieser Region läuft über Sambia. Von daher ist es normalerweise kein Problem, in den südlichen Kongo zu reisen. Mir kommt der Kongo oft so vor wie Sambia vor 30 Jahren. Die Menschen leben dort sehr einfach. Leider ist die Korruption extrem hoch.
Theologische Schulungen für die Pastoren im Kongo sind sehr wichtig. Bei einer der vergangenen Schulungen habe ich erfahren, dass von 40 Gemeindeleitern ein einziger eine theologische Ausbildung hatte. Die Leute sind sehr dankbar für die Schulungsangebote. Unser Wunsch ist es, dass unsere sambische Partnerkirche selbst Missionare in den Kongo schickt. Mit der Finanzierung tun sie sich noch schwer. Aber wir ermutigen sie dazu immer wieder, denn wir wollen, dass der Missionsgedanke bei ihnen selbst gestärkt wird.

Cornelia, du setzt dich besonders für die Frauen ein. Was beeindruckt dich an den Frauen in Sambia?
Ich habe eine große Hochachtung vor den Frauen, die oft schwierige Lebensumstände zu bewältigen haben. Sie arbeiten sehr hart zu Hause, werden aber kaum respektiert. Vor Kurzem unterhielt ich mich mit einer Frau, die als Zweitfrau ihrer älteren Schwester „zugeschoben“ wurde, weil die keine Kinder bekommen kann. Eigentlich leidet sie unter der Situation, lobt aber trotzdem Gott und ist für vieles dankbar. Das beeindruckt mich sehr.

Was ist dein Herzensanliegen oder Wunsch für die Frauen?
Die Frauen stehen unter einem riesigem Druck, besonders von der Verwandtschaft bzw. Großfamilie. Wenn eine Frau zum Beispiel krank ist, muss sie trotzdem weiterarbeiten. Sonst würde sie zu hören bekommen, dass sie faul sei. Sambia ist eine Männergesellschaft. Der Druck auf die Frauen ist enorm. Die Männer können oft machen, was sie wollen. Dass zum Beispiel Männer fremdgehen, wird gesellschaftlich weitgehend toleriert. Das geht leider bis in die Kirchen hinein. Wenn eine Frau fremdgeht, wird sofort die Scheidung gefordert. Ein anderes Beispiel: Wenn eine Familie zu Besuch zu den Eltern des Mannes kommt, dann ist es traditionell üblich, dass der Mann am Tisch mit seinen Eltern sitzt. Die Frau muss mit den Kindern entweder in der Küche essen oder am ganz anderen Ende des Raumes. Einer unserer Mitarbeiter hat sich dem widersetzt und seine Frau und Kinder an den gemeinsamen Tisch geholt. Die Reaktion seiner Eltern war heftig. Es hat zehn Jahre gedauert, bis seine Eltern begriffen haben, dass ihr Sohn ihnen nichts Böses antun will, sondern einfach nur seine eigene Familie wertschätzt und respektiert.
Oft sehen die Frauen keinen Weg, aus diesem „System“ auszubrechen oder dagegen anzugehen. Dass sie frei werden von diesem Druck und ihre Freiheit in Jesus finden, das wünsche ich ihnen sehr. Deshalb gebe ich ihnen gerne weiter, dass sie auf Jesus vertrauen können, der auch in Krankheit oder Tod das Sagen hat. Und ich ermutige sie, mit ihren Männern zu reden und gemeinsam Wege zu finden.

Du willst die Missionsarbeit von Reinhard und Cornelia Frey mit einer Spende unterstützen? Dann kannst du das über diesen Link tun.

Über 50.000 Frauen erleiden jedes Jahr in Deutschland eine Fehlgeburt. Carmen Sept, Missionarin der Liebenzeller Mission in Sambia und Mutter einer fast zweijährigen Tochter, hat das kurz vor Ostern erlebt.

Carmen, du hast Anfang der neunten Schwangerschaftswoche dein zweites Kind verloren. Du schreibst in deinem Internetblog ganz offen von deiner Fehlgeburt. Was hat dich dazu bewogen?
Mir fällt es von meiner Natur her leicht, immer wieder über persönliche, oft auch „Tabu“-Themen zu reden. Ich spreche zum Beispiel mit meinen Freundinnen ebenso über Ehethemen. Ich habe es als positiv erlebt, wenn andere Frauen über solche Themen reden und schreiben. Hinzu kam die Anfrage der „Grow together“-Videomacher, einer Talkrunde der Liebenzeller Mission für Frauen, die mich baten, über meine Träume zu reden. Mir fiel dazu gleich mein zerplatzter Traum eines zweiten Kindes ein. Ich nahm daraufhin ein Videostatement auf und mein Mann Manuel hat mich sehr ermutigt, dieses zu veröffentlichen. Uns beiden war bewusst, dass dieses Thema „dran“ war, zumal vieler unserer Freunde von meiner Fehlgeburt wussten. Nach der Ausstrahlung sagten viele, dass sie Ähnliches erlebt hatten. Mich hat ermutigt, von anderen christlichen Frauen in den sozialen Medien zu lesen, die auch Fehlgeburten erlitten. Ich fand es sehr hilfreich zu sehen, wie sie damit umgegangen sind, auch im Hinblick auf ihre Gottesbeziehung.

In deinem Internetblog schreibst du auch ganz ehrlich, wie du die Fehlgeburt erlebst hast.
Es war echt hart, als mir bewusst wurde, was gerade in meinem Körper passiert und ich konnte nur noch schluchzend in mein Bett kriechen. Von Einschlafen war keine Rede. Das innere Bild von mir, eingekauert in der großen Hand Gottes, hat mich ruhig werden lassen. Genau das haben wir auch die Tage danach empfunden. Getragen von Gott. Umbetet von Freunden. Genauso wie ich am Anfang der Schwangerschaft Stück für Stück realisiert habe, wieder ein Kind in mir wachsen zu haben, musste ich nun die Gedanken in mir Wirklichkeit werden lassen, dass diese Schwangerschaft nicht mehr besteht. Dass wir dieses kleine Wesen nicht in den Armen halten werden. Es gab so viele Pläne, Gedanken und Vorfreuden, von denen ich mich verabschieden musste. Die Fehlgeburt ist in der Karwoche passiert, ein paar Tage vor Ostern. Noch nie hab ich Ostern so intensiv erlebt. Plötzlich wurde Jesu härteste Woche seines Lebens auch meine härteste Woche, die ich bis jetzt erlebt habe. In dem Loslassen kam mir neu die Frage auf, was wirklich meine Hoffnung im Leben ist. Für mich war klar, dass es Jesu Tod am Kreuz ist. Er alleine soll meine Hoffnung sein – nicht meine Umstände. Das bedeutet für mich aber nicht, dass ich die Fehlgeburt und die damit kommende Trauer kleinrede, verdränge oder verschweige. Ganz im Gegenteil: Ich schütte ihm meine Gedanken, mein Herz darüber aus. Verschiedene Verse in Psalm 62 haben mein Fühlen in Worte gefasst: „Nur auf Gott wartet still meine Seele. Denn von ihm kommt meine Hoffnung“ und: „Vertraue auf ihn allezeit, o Volk. Schüttet euer Herz vor ihm aus!“

Wie geht man in eurem Einsatzland Sambia mit Fehlgeburten um?
Über Schwangerschaften wird hier traditionell nicht gesprochen. Man versucht das oft erst zu verheimlichen. Aber von Totgeburten sind in Sambia so viele betroffen. Jedoch man darf nicht darüber trauern. Denn das Kind war nach dem hiesigen Verständnis noch kein Mensch. Es hatte noch keinen Namen. Diese Totgeburten werden oft von älteren Angehörigen dann anonym verscharrt.

Du sagst in dem „Grow together“-Video, dass „Jesus es gut macht, egal wie meine Umstände sind. Gott ist ein guter Gott, auch wenn meine Träume nicht wahr werden.“ Wie gehst du mit der Spannung um, dass Gott gut ist, aber Dinge zulässt, die aus unserer Sicht nicht gut sind?
Mich hat ein Liedvers aus „Weep with me“ (Weint mit mir) der nordirischen Lobpreis-Band „Rend Collecitve“ sehr angesprochen. Dort singen sie: „Herr, ich werde mit deinem Herzen ringen. Aber ich werde dich nicht gehen lassen.“ Ich werde mit Gott kämpfen, ihm Fragen stellen. Aber ich werde nicht an ihm verzweifeln. Ich stelle immer wieder fest, dass ich das große Bild, das Gott vor Augen hat, nicht sehe. Auch wenn unser zweites Kind perfekt vom zeitlichen Abstand her auf unserer Tochter Junia und unseres geplanten nächsten Heimaturlaubs gepasst hätte, weiß ich doch letztlich nicht, was wirklich gut für uns ist. Vielleicht dient uns das alles doch zum Besten, auch wenn ich es heute noch nicht so sehe. Das ist jetzt eine steile Aussage, aber vielleicht will sich Gott dadurch verherrlichen aus einem Grund, den wir heute noch nicht so kennen. Gott hat mir die Fehlgeburt nicht einfach so angetan und zugemutet, sondern er geht auch in dieser Situation mit uns mit. Ich sehe letztlich seine Fingerabdrücke in dem Ganzen.

Was rätst du Frauen, die eine Fehlgeburt erlitten?
Es kommt immer auf die Person an und es gibt keine pauschale Antwort darauf, aber wir haben gemerkt, dass es uns guttut, so offen darüber zu reden. Man muss schauen, was man braucht. Manche begehen eine Fehlgeburt bewusst mit einer Art Trauerfeier. Ich glaube, wir Frauen wissen instinktiv, was wir brauchen und uns guttut. Ich ermutige, dass dann mutig zu machen, auch wenn sich eine Betroffene entscheidet, nicht über ihre Fehlgeburt zu sprechen.

Wie hat die Fehlgeburt dein Gottesbild verändert?
Die Fehlgeburt hat mir gezeigt, dass ich auch in den härteren Zeiten an Gott festhalten kann. In meinem Leben ging bislang fast alles glatt und ich habe mich immer wieder gefragt, wie gehe ich damit um, wenn mir etwas Schweres zustößt? Werde ich an Gott festhalten oder mich dann enttäuscht von ihm abwenden, weil ich so verletzt bin? Man weiß das nie im Voraus. Nun hat die Fehlgeburt in mir verfestigt, dass ich an Gott festhalten kann, auch wenn Dinge passieren, die ich mir nicht wünsche. Gott ist da und nimmt meine ehrliche Art an. Er blickt nicht auf mich herunter und sagt: „Mach nun du mal.“

Carmen Sept arbeitet für die Liebenzeller Mission mit ihrem Mann Manuel seit Sommer 2017 in Sambia. Ihre Tochter Junia wurde im Januar 2019 geboren. Carmen hat Theologie/Soziale Arbeit im interkulturellen Kontext an der Internationalen Hochschule Liebenzell studiert.