„Jesus ist mitten in all der Hässlichkeit des Lebens“

Vor einem gelben Gebäude mit der Aufschrift „Misión Evangélica Urbana“ stehen und sitzen Menschen. Kinder sitzen auf dem Bürgersteig.

Chris­ten soll­ten Obdach­lo­sen unbe­fan­gen begeg­nen. Dazu hat die Lie­ben­zel­ler Mis­sio­na­rin Mir­jam Schmück­le auf­ge­ru­fen. Sie ist seit Okto­ber 2023 zusam­men mit ihrem Mann David in der Arbeit „Misión Urba­na Valén­cia“ mit woh­nungs­lo­sen Men­schen tätig. Wir haben ihr eini­ge Fra­gen gestellt.

Wie genau enga­giert ihr euch und eure Gemein­de für obdach­lo­se Menschen?
Das Tages­zen­trum für Woh­nungs­lo­se „Misión Urba­na“ in Valen­cia wur­de 1995 von acht evan­ge­li­schen Gemein­den gegrün­det. Es ent­stand aus dem Wunsch, Men­schen am Ran­de der Gesell­schaft wahr­zu­neh­men, sie als gelieb­te Kin­der Got­tes zu sehen und zu beglei­ten. Die zen­tra­le Moti­va­ti­on ist Mat­thä­us 25,40: „Was ihr getan habt einem von die­sen mei­nen gerings­ten Brü­dern, das habt ihr mir getan.“ Seit der Grün­dung enga­gie­ren sich über­wie­gend ehren­amt­li­che Hel­fe­rin­nen und Hel­fer aus den Gemein­den täg­lich in dem Projekt.

Wie vie­le Men­schen erreicht ihr dadurch ungefähr?
Täg­lich ver­tei­len wir rund 120 Früh­stü­cke. In der Ein­zel­fall­be­glei­tung kön­nen wir der­zeit etwa 30 Men­schen inten­si­ver beglei­ten. Die Wahr­heit ist jedoch, dass wir an unse­re Kapa­zi­täts­gren­zen sto­ßen und auf­grund des Man­gels an Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­tern unse­re Ange­bo­te beschrän­ken müs­sen, obwohl die Nach­fra­ge viel höher ist.

Woher kom­men die­se Men­schen? Sind es vor allem Spanier?
Unse­re Kli­en­ten kom­men aus der gan­zen Welt. Vie­le von ihnen stam­men aus Nord­afri­ka und Süd­ame­ri­ka. Etwa zwan­zig Pro­zent von ihnen kom­men aus Spa­ni­en. In dem Land gibt es kei­ne Arbeit für Geflüch­te­te und auch kei­ne Unter­brin­gungs­pflicht für Kom­mu­nen. Das bedeu­tet, dass die aller­meis­ten Geflüch­te­ten auf der Stra­ße leben. Dort beginnt oft eine Abwärts­spi­ra­le aus Dro­gen und Kriminalität.

Was genau benö­ti­gen die­se Menschen?
Die spa­ni­schen Obdach­lo­sen lei­den meist unter einer psy­chi­schen Erkran­kung und kom­men aus schwie­ri­gen Lebens­si­tua­tio­nen. Armut, Gewalt und Süch­te. Zunächst haben die Hil­fe­su­chen­den größ­ten­teils ein­fach Hun­ger und Durst. Sie möch­ten duschen und freu­en sich über fri­sche Klei­dung. Im zwei­ten Schritt ver­su­chen die Chris­ten, Kon­tak­te zu ihnen auf­zu­bau­en. Manch­mal kön­nen sie die­se Men­schen dabei unter­stüt­zen, Doku­men­te zu bean­tra­gen, und sie zu Behör­den und Ärz­ten beglei­ten. Manch­mal sind wir auch ein­fach der ein­zi­ge mensch­li­che Kon­takt, der ver­sucht, wert­frei zuzu­hö­ren. In sol­chen Momen­ten kön­nen wir nicht nur bei den prak­ti­schen Tätig­kei­ten Got­tes Lie­be wei­ter­ge­ben, son­dern wir dür­fen ihnen auch davon erzäh­len, dass es kei­ne hoff­nungs­lo­sen Fäl­le gibt.

Was ist euch bei eurer Arbeit wichtig?
In unse­rer Arbeit erle­ben wir immer wie­der die schlimms­ten Abgrün­de des mensch­li­chen Lebens. Das Leben auf der Stra­ße ist kein Spaß, son­dern bru­tal und häss­lich. Jede Per­son, die das Tages­zen­trum besucht, hat eine Geschich­te, aus der man ein Buch schrei­ben könn­te. Die­se Geschich­ten sind unse­rem wohl­si­tu­ier­ten Leben so fern. Uns ist wich­tig, die­se Men­schen als Ein­zel­per­so­nen zu sehen und zu wis­sen, dass Gott sich für jeden Ein­zel­nen etwas Beson­de­res und Wert­vol­les aus­ge­dacht hat. Dabei spie­len Her­kunft, Geschlecht und Reli­gi­on für uns kei­ne Rol­le, denn: Jesus liebt die­se Per­son. Punkt. Wenn mir die Bru­ta­li­tät die­ser Situa­ti­on zu fremd und zu über­wäl­ti­gend erscheint, dann glau­ben wir, dass nicht wir das Licht und die Lie­be in die­se Situa­ti­on brin­gen, son­dern Jesus. Er ist bereits vor­an­ge­gan­gen und ist mit­ten in all der Häss­lich­keit des Lebens. Unse­re Auf­ga­be ist es, den Men­schen, die sich in die­ser Situa­ti­on befin­den, genau das mit­zu­tei­len. Er ist schon da und liebt dich! Des­halb ist es uns wich­tig, nicht zu wer­ten, son­dern uns immer wie­der dar­in zu üben, die Men­schen mit den lie­ben­den Augen Got­tes zu sehen.

Wie kön­nen Chris­ten helfen?
Woh­nungs­lo­se kön­nen das Prin­zip der Nächs­ten­lie­be mit­un­ter vor gro­ße Her­aus­for­de­run­gen stel­len. Aber viel­leicht ist es auch Zeit, sich her­aus­for­dern zu las­sen? Wo beur­tei­le ich Men­schen, die ich auf der Stra­ße sehe, zu schnell? Es bedeu­tet ihnen oft so viel, wenn man sich zu ihnen setzt, Zeit mit ihnen ver­bringt und mit ihnen betet. Denn wer von uns freut sich nicht über Auf­merk­sam­keit und geschenk­te Zeit? Wir alle sind von Gott gelieb­te Men­schen, und er macht kei­nen Unterschied.

Mir­jam Schmück­le hat Inter­na­tio­na­le Sozia­le Arbeit an der Evan­ge­li­schen Hoch­schu­le Lud­wigs­burg stu­diert und war in der Jugend­hil­fe aktiv. David Schmück­le hat eben­falls an der Evan­ge­li­schen Hoch­schu­le Lud­wigs­burg Sozia­le Arbeit stu­diert. Seit 2014 arbei­tet er als Sozi­al­wis­sen­schaft­ler. Das Ehe­paar, des­sen Herz für Men­schen am Ran­de der Gesell­schaft schlägt, hat drei Kinder.